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Verfahrensmechaniker bringen in Merzen Kunststoff in Form

Die korrekte Bezeichnung sorgt oft genug für Nachfragen. Nur die wenigsten wissen, dass sich hinter dem Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik Fachrichtung Faserverbundtechnologie ein Beruf mit Zukunft verbirgt.

Mattes Dirkes und Arthur Lämmer müssen ihren Freunden nicht mehr lang und breit erklären, was genau sie in der Firma Vacopro in Merzen fabrizieren. Früher hätten sie einfach Kunststoffverarbeiter gesagt. Fachkräfte, die ein Material verarbeiten, das viele Branchen verwenden: Bau- und Elektroindustrie, Fahrzeug- und Maschinenhersteller. Kunststoff steckt schließlich in vielen Alltagsprodukten, von der Milchtüte über den Legostein bis zum Kotflügel.

Keine Massenprodukte

Doch solche Massenprodukte stellt die Firma Vacopro, die 2012 in Osnabrück gegründet wurde und 2015 nach Merzen umzog, nicht her. Das zehnköpfige Team um Betriebsleiter Heiko Brinkmann kümmert sich in den Werkhallen im Gewerbegebiet um Prototypen, Sonderbauten und sogenannte High-End-Produkte. Der Betrieb hat sich auf die Entwicklung und Serienherstellung von Leichtbauprodukten aus Glas- und Kohlenstofffaser-Verbundwerkstoffen spezialisiert. Dazu gehören Präzisionsbauteile für Maschinen und Anlagen. „Und es gibt viel zu tun, jeder Auftrag ist eine Herausforderung“, sagt Brinkmann.

Handarbeit gefragt

Technisches Verständnis, handwerkliches Geschick, logisches Denken, Interesse an den Naturwissenschaften Mathematik, Physik und Chemie – diese Fähigkeiten „und die Lust, etwas herzustellen“, sollten Auszubildende zum Verfahrensmechaniker für Kunststoff- und Kautschuktechnik mitbringen . Zwar steigt auch in diesem Beruf der Grad der Automatisierung ständig, „doch bei uns können die Azubis nicht einfach den Knopf einer Maschine drücken und warten, bis das Produkt hergestellt ist“, lächelt Heiko Brinkmann. Gerade bei der Entwicklung und Fertigung von Prototypen ist Handarbeit gefragt. So war das auch beim Bau eines Kühlringes, der in einer Maschine für die Folienherstellung steckt. Üblicherweise besteht der Extruder aus Metall und ist entsprechend schwer. Doch ein Bauteil aus Metall setzt der Genauigkeit, auf die es bei der Herstellung von Folien ankommt, irgendwann Grenzen. Im Auftrag eines Unternehmens entwickelte die Firma Vacopro einen Kühlring aus Verbundwerkstoffen. Dazu entwarf sie zunächst am Reißbrett den Bauplan, stellte die Negativform her, mit der sie in Handarbeit den Prototyp produzierte, und verbesserte schließlich das Verfahren bis zur Serienherstellung. Das Ergebnis stellte Macher und Auftraggeber zufrieden und genügte höchsten Ansprüchen an die Präzision.

Stoff mit vielen Vorzügen

„Faserverbundwerkstoffe sind hier eine echte Alternative“, erläutert der Betriebsleiter. So lassen sich zum Beispiel aus Glas- und Kohlenstofffasern hochwertige Maschinenbauteile herstellen. Gerade kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe, abgekürzt CFK, bieten der Industrie viele Vorzüge: Der Stoff ist leichter als Stahl oder Aluminium, aber genauso widerstandsfähig. Der hohen Kosten wegen kam der Verbundwerkstoff bisher vorwiegend in der Luft- und Raumfahrt zum Einsatz, CFK wird beim Bau von Formel-1-Boliden verwendet, neuerdings bei der Herstellung von Windrädern und eben im Anlagenbau. Auch im Automobilbau bietet die Carbonfaser viele Perspektiven: Ein Chassis aus CFK macht den Wagen viel leichter, was wiederum den Spritverbrauch reduzieren oder aber die Reichweite von Elektroautos erheblich vergrößern würde.

Ein Beruf, in dem es nie langweilig wird

Doch ob nun Auto oder Kühlring, „in jedem einzelnen Bauteil steckt viel Handwerk. Das wird nie langweilig“, sagt Mattes Dirkes, der seine Ausbildung im Frühjahr mit Erfolg abgeschlossen hat. Vor allem habe der Beruf „nicht nur etwas mit Kleben zu tun“, räumt er mit einem Vorurteil auf. Zwar werden verschiedene Werkstoffe tatsächlich miteinander verklebt, aber die Fertigungstechnologien sind je nach Anforderung sehr spezialisiert, reichen von der Vakuuminfusion über das Glasfaserspritzen bis zum Handlaminieren. So lassen sich gewünschte Festigkeit und Steifigkeit gezielt einstellen.

Neue Herausforderungen

Vor allem Kreativität bei den immer neuen Projekten sei gefordert, es mache Spaß, sich stets neuen Herausforderungen zu stellen, zählt Arthur Lämmer die Vorzüge des Berufes auf. Der Merzener steckt im dritten Lehrjahr. Und irgendwie fühlen sich die beiden auch als Forscher, „denn die Werkstoffe sind vielseitig einsetzbar, und die Geometrie setzt keine Grenzen“, sagt Heiko Brinkmann. Gerade im Maschinenbau sei der Beruf des Verfahrensmechanikers für Kunststoff- und Kautschuktechnik sehr gefragt. „Da gibt es immer etwas zu tüfteln und zu optimieren.“ Und wenn die Zeit es zulässt, konstruieren die Merzener Verfahrenstechniker sogar Möbel. Aus Kohlenstofffasern lassen sich auch stilvolle Sessel und Tische in formvollendetem Design herstellen.

Zur Sache

Der Ausbildungsberuf: Daten und Fakten

Verfahrensmechaniker/-in für Kunststoff- und Kautschuktechnik Fachrichtung Faserverbundtechnologie ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Die duale Ausbildung (Betrieb und Berufsschule) dauert drei Jahre. Verfahrensmechaniker lernen die Be- und Verarbeitung unterschiedlicher Werkstoffe, das Bearbeiten, Umformen und Fügen von Kunststoffen. Das Herstellen von Formen aus unterschiedlichen Werkstoffkomponenten, vor allem aus Faserverbundstoffen, ist wesentlicher Teil der Ausbildung. Sie laminieren Bauteile unter Verwendung von Polyester- und Epoxidharzen und in Verbindung mit unterschiedlichen Verstärkungsmaterialien. Als Schulabschluss wird ein mittlerer Bildungsabschluss gefordert (gute Leistungen in Mathematik und Physik). Ausbildungsvergütung:1. Lehrjahr: 620 bis 850 Euro, 2. Lehrjahr: 670 bis 880 Euro, 3. Lehrjahr: 720 bis 940 Euro.

 

 
Artikel und Foto von Christian Geers / Bersenbrücker Kreisblatt
http://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-neuenkirchen/artikel/883118/verfahrensmechaniker-bringen-in-merzen-kunststoff-in-form#