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"Diamanten im Schrotthaufen“ - Provotainer Martin Gaedt beim Nordkreis-Unternehmertag

ProvotainerMartin Gaedt kommt zum Nordkreis-Unternehmertag. Foto: Viktor Strasse

Neuenkirchen. „Wir brauchen mehr Besserfrager und weniger Besserwisser“, meint Provotainer und Buchautor Martin Gaedt. Ideen spinnen und Schritt für Schritt umsetzen – dazu möchte der Referent des Abends beim Nordkreis-Unternehmertag am 6. September in Neuenkirchen die Besucher ermutigen, wie er im Gespräch mit der Redaktion verrät.

Herr Gaedt. Innovator, Unternehmer, Recruiter, Autor und Ideen-fitness-Trainer – in den Medien sind zahlreiche Bezeichnungen für ihre Person zu finden. Doch was können wir uns unter einem Provotainer vorstellen?

Ich provoziere, denn Innovation geht über Grenzen. Und ich entertaine mit spannenden Geschichten, die hängenbleiben. Mein Vortrag spricht alle Sinne an. Wir basteln 90 Sekunden und sprechen den „Schwur der Spinner“. Das ist Provotainment. Seit 20 Jahren bin in eigenen Startups und auch beratend in Unternehmen und Verbänden an Innovationen beteiligt. Neues ist unbekannt, unsichtbar und unvertraut, alles andere ist nicht neu. Innovation ist an sich schon eine Provokation, denn Neues kämpft immer gegen bestehende Interessen, Organisationen und Angebote. Meine entertainende Provokation weckt Lust, Grenzen zu übertreten.

Mit ihrem ersten Startup-Versuch ist es nicht nach Wunsch gelaufen. Sie haben sich davon aber nicht entmutigen lassen. Gibt es etwas, auf das junge Unternehmensgründer bei ihren Geschäftsmodellen besonders achten sollten?

Seit 1999 bin ich Unternehmer und Gründer von neun Startups. Die ersten Firmen wie „Knack die Nuss“ und „Sweet Souvenir“ liefen gut. Dann wollten wir den Arbeitsmarkt revolutionieren, das hat nicht geklappt. Die Younect GmbH und die cleverheads GmbH haben Insolvenz angemeldet. Die Software cleverheads.eu wurde von der index Internet und Mediaforschung GmbH gekauft. Die Software ermöglicht weiterhin die datenschutzrechtlich korrekte Empfehlung guter Bewerber von einem Unternehmen zu anderen Betrieben. Drei gute Bewerber, aber nur eine Stelle. Mit einer Empfehlung gewinnen Unternehmen Top-Kandidaten. Noch ist die Bereitschaft zur Kooperation wenig ausgeprägt, wir konnten nur 800 Unternehmen und 300 Bildungspartner gewinnen. Aber das wird sich ändern. Wir waren zu früh im Markt.

Mein Rat an Gründer: So einfach und kostengünstig wie möglich starten. Machen. Kunden beobachten. Dazulernen. In der Nutzung und im intensiven Kontakt mit Kunden das Angebot weiter entwickeln, im besten Fall aus laufenden Umsätzen. XING war nach sechs Wochen Cashflow positiv durch die Premium-Mitgliedschaft.

Mein Rat an uns alle: Innovation lebt von einer Kultur, die Fehler als Erfahrung und Teil des menschlichen Handelns sieht. Es kann nicht alles klappen, wenn man neue Wege geht.

Es wird auch in diesen Tagen viel über Fachkräftemangel diskutiert. Sie sehen jedoch eher Probleme im Bereich Unternehmenskultur, Wertschätzung oder Organisation. Wie ist dem zu begegnen?

Unternehmen übersehen häufig, dass sie in Deutschland mit 3,6 Millionen Betrieben und in Europa sogar mit 23 Millionen Unternehmen um Aufmerksamkeit bei Fachkräften konkurrieren. Die erste Aufgabe heißt Aufmerksamkeit. Sonst bleiben Unternehmen unsichtbar. Stellenanzeigen in einer der 2500 Stellenbörsen lösen das Problem der Unsichtbarkeit nicht. Wie wahrscheinlich ist es, dass die passende Kandidatin und der passende Kandidat ausgerechnet in der Stellenbörse suchen, in der ein Unternehmen aktiv ist? Das gleicht einer Joblotterie. Aufmerksamkeit ist das rarste Gut. Wie werden Unternehmen bei potenziellen Bewerbern sichtbar, erlebbar und attraktiv? Ich erlebe wenig Unternehmen, die so denken und handeln. Weniger Bewerbungen zu bekommen heißt immer: Unbekanntheit. Fachkräftemangel ist dann häufig eine faule Ausrede. Sich sichtbar und bekannt zu machen, braucht Ideen und Mut. Wir haben in der Personalgewinnung mit wenigen Ausnahmen großen Ideenmangel und Mutmangel.

Seit der Gründung ihrer Firma Younect im Sommer 2007 sind Sie im Gespräch mit Geschäftsführern, Personalentscheidern und Wirtschaftsförderern. Sie kritisieren das Recruiting in vielen Unternehmen bei der Mitarbeitersuche. Fehlt hier nicht nur den Handwerksbetrieben der Mut zu neuen Wegen?

Das blendend laufende Tagesgeschäft verdeckt den verbreiteten Mutmangel. Ein Bäcker könnte die gesamte Kundschaft und auch alle Passanten in seine Personalsuche einbinden, indem er ins Schaufenster ein riesiges Plakat hängt: „Wer mir eine Fachkraft vermittelt, bekommt ein Jahr Brot und Brötchen umsonst.“ Der Friseur könnte ein Jahr Haarschnitt verschenken für eine passende, motovierte Fachkraft. Aber Handwerker machen das nicht. Stattdessen hängt dort ein kleines Zettelchen „Suche Fachkraft“. Ja und? Warum sollte ich für den Bäcker oder Friseur suchen? Eine Million Handwerker und 345.000 Einzelhändler könnten einfach die Netzwerke der Kunden und Passanten nutzen. Außerdem haben wir einen großen Digitalisierungsmangel. Estland spart 800 Jahre Arbeitszeit pro Jahr durch eine digitalisierte Verwaltung. Wären wir in der Verwaltung auf dem Stand von Estland, könnten wir in Deutschland 50.000 Jahre Arbeitszeit sparen pro Jahr. Hat die Verwaltung wirklich Fachkräftemangel oder Digitalisierungsmangel? Die sogenannte Blockchain wie beispielsweise Ethereum wird alle Branchen revolutionieren. Wer kennt das und wer nutzt das? Wer gewinnt Mitarbeiter mit Wacken-Tickets? Es gibt sieben Milliarden Wege zu sieben Milliarden Menschen.

Was erwartet die Besucher des Unternehmertages in Neuenkirchen am 6. September in Neuenkirchen bei ihrem Vortrag?

Provotainment mit lebendigen Beispielen und Geschichten. Trillionen von Möglichkeiten nutzen wir noch nicht. Ideen sind gemixte Zutaten, die zusammen Mehrwert bieten. Die meisten meiner Ideen sind Schrott. Auch nach 20 Jahren Ideenfitness-Training. Aber ein paar Diamanten waren im Schrotthaufen. Innovation heißt, mehr zu probieren als andere - bis es klappt. Das zeige ich unterhaltsam. Die meisten Ideen-Zutaten wurden noch nicht kombiniert. Dazu brauchen wir bohrende Neugier und demütige Naivität. Wir brauchen mehr Besserfrager und weniger Besserwisser.

 
30. August 2018, 08:47 Uhr