Willkommen bei der Samtgemeinde Neuenkirchen... Anmelden Registrieren

Interview mit Bürgermeister - Gemeinschaftshaus Merzen: Gemeinde hielt an Überzeugungen fest

Bereits seit Sommer 2017 ist das Gemeinschaftshaus Merzen fertiggestellt und in Betrieb. Nun folgt als letzter Akt die offizielle Eröffnung. Foto: Christian Geers

Merzen. Den Besuch von Gesundheitsminister Spahn nimmt die Gemeinde Merzen zum Anlass, am Dienstag ihr Gemeinschaftshaus offiziell einzuweihen. Von der Idee bis zum Bau vergingen zehn Jahre. Anfangs war es heftig umstritten, heute ist es ein Modell für andere Gemeinden.

 

Das Gemeinschaftshaus Merzen, das 2017 nach eineinhalbjähriger Bauzeit vollendet wurde, ist ein Projekt, auf das die Gemeinde stolz ein könne, sagt Bürgermeister Gregor Schröder. Im Interview mit unserer Redaktion blickt er zurück auf den Werdegang des größten Bauprojektes seit Bestehen der Gemeinde.

Herr Schröder, die Pläne für das Gemeinschaftshaus Merzen sorgten anfangs für heftigen Gegenwind, viele Diskussionen und Debatten. Welche Gedanken gehen Ihnen heute, wenige Tage vor der Einweihung, durch den Kopf?

Das Gemeinschaftshaus Merzen ist ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, an eigenen Überzeugungen festzuhalten und diese – auch gegen Kritik und massive Widerstände – beharrlich zu verteidigen. So wie das Haus heute konzipiert ist, ist es eine sehr gute Lösung für Merzen: dauerhaft, nachhaltig, zukunftsorientiert und einmalig, wie uns immer wieder bestätigt wird. Darauf darf die Gemeinde stolz sein.

 

Wann entstand die Idee, eine Art Multifunktionshaus zu bauen mit Hausarzt, Physiotherapiepraxis, Tagespflege, ambulant betreuter Wohngemeinschaft und betreuten Wohnungen?

 

Vor fast 25 Jahren. Schon während der Dorferneuerung zu Beginn der 1990er-Jahre waren in zentraler Lage, am Rand von Pastorsholz, ein Alten- und Pflegeheim und betreute Wohnungen geplant. Anfangs beabsichtigte die Gemeinde sogar, hier ein Rathaus zu bauen oder eine Art Kommunikationszentrum. Es gab aber für mich noch einen weiteren Antrieb, eine solche Vision Realität werden zu lassen: Ich habe so oft bei Geburtstagsbesuchen älterer Einwohner gehört, dass sie sich wünschten, ihren Lebensabend in Merzen zu verbringen – auch wenn sie einmal auf Betreuung und Pflege angewiesen sein sollten. Nur: Ambulante oder stationäre Angebote gab es damals nicht. Wer in ein Pflegeheim umzog, musste Merzen verlassen.

(Weiterlesen: Gemeinde Merzen holt Grundsteinlegung für Gemeinschaftshaus nach.)

Sie hatten also den Eindruck, dass die Belange der älteren Bevölkerung zu kurz kamen?

Ja. Eine Gemeinde muss alle Altersgruppen im Blick behalten. Kindertagesstätte und Schule müssen gut ausgestattet sein, aber auch auf die Bedürfnisse älterer Menschen ist Rücksicht zu nehmen. Eine Pflegeeinrichtung gehört in einen Ort von der Größe Merzens, davon bin ich bis heute überzeugt.

Bis zum Bau war es aber ein langer und steiniger Weg. 2006 nahm die Idee an Fahrt auf, als sich die vier Samtgemeinden im Altkreis Bersenbrück zur Ilek-Region zusammenschlossen. Damals galt das Konzept des Gemeinschaftshauses – das ursprünglich auch ein Pflegeheim mit 50 bis 60 Plätzen vorsah – als Fortschritt, gar als Leuchtturmprojekt . . .

Es herrschte eine gewisse Euphorie, die trotz aller kommenden Debatten und Diskussionen eigentlich nie ganz verloren ging. Günter Storck, der damalige Leiter der Awo-Wohnanlage Schlichthorst, hatte den Kontakt zur Arbeiterwohlfahrt in Oldenburg geknüpft, die Interesse hatte, ein Pflegeheim in Merzen zu bauen. Das aber stieß dann nach und nach auf Widerstand.

Das ist ziemlich zurückhaltend formuliert. War es nicht so, dass sich eine Allianz aus Landkreis, Kirche und Samtgemeinde gegen diese Pläne in Stellung brachte? Zu groß, zu überdimensioniert, am Bedarf vorbeigeplant – hieß es aus dem Kreishaus zur Absicht, ein Pflegeheim mit 50 bis 60 Plätzen zu bauen. Und auch die umliegenden Pflegeheime beäugten die Pläne mit großer Skepsis.

Ja. Viele Fürsprecher hatten wir nicht. Georg Schirmbeck, damals Chef der CDU-Kreistagsfraktion, hat sich für uns starkgemacht, konnte sich aber letztlich nicht gegen die damalige Spitze des Landkreises durchsetzen. Auch die Kirchengemeinde bzw. das Bistum Osnabrück waren dagegen, dass wir auf ihrem Grundstück so etwas bauen. Allerdings hatten sie vergessen, dass in dem 1994 zwischen Gemeinde und Kirchengemeinde St. Lambertus geschlossenen Erbbaurechtsvertrag für das Grundstück eine Nutzung als Altenheim explizit vorgesehen war.

Wie viele Ratsbeschlüsse hat es gegeben, das Haus zu bauen?

Das weiß ich nicht. Das Vorhaben hat drei Gemeinderäte beschäftigt. Und alle waren einstimmig dafür. Das war als Signal nach außen sehr wichtig: Die Gemeinde hält an ihrem Vorhaben fest.

Gab es angesichts der vielen und immer neuen Hürden nicht einmal den Gedanken, das Projekt zu beerdigen?

Den gab es, als wir unser gut durchdachtes Konzept mit Pflegeheim, betreutem Wohnen, Räumen für Arztpraxis und Physiotherapie nicht verwirklichen konnten, weil der Landkreis Osnabrück an seiner Ablehnung festhielt.

Landkreis initiierte Modellprojekt „Wohnen mit Zukunft“

2011 und 2012 vollzog der Landkreis einen Sinneswandel: vom Kritiker zum Befürworter. Worauf führen Sie den zurück?

Auf Michael Lübbersmann. Das muss ich ganz klar sagen. Nachdem er 2011 Landrat geworden war, hat er die Tür wieder geöffnet und das Modellprojekt „Wohnen mit Zukunft in der Samtgemeinde Neuenkirchen“ initiiert. Damit kam Bewegung in die Angelegenheit. Es gab unter Leitung des Landkreises Workshops in Merzen, Neuenkirchen und Voltlage, die Einwohner wurden einbezogen und nach ihren Vorstellungen und Wünschen befragt, wie sie sich ihr Umfeld im Alter vorstellen. Herausgekommen und verwirklicht worden ist für Merzen die Idee einer möglichst lückenlosen Unterstützungs- und Versorgungskette, auf die Betroffene zurückgreifen können. Sie beginnt mit der Nachbarschaftshilfe, an ihrem Ende gibt es ein stationäres Pflegeangebot mit 15 Plätzen, bedarfsgerecht zugeschnitten auf die Gemeinde. Im Mittelpunkt steht das Gemeinschaftshaus mit dem Leitmotto: „In Merzen kann ich in allen Wechselfällen des Lebens sicher und betreut wohnen bleiben.“ Das haben wir erreicht. Und ich sehe mich bestätigt, auf dem richtigen Weg gewesen zu sein. Wir hatten keine Illusion, die nicht machbar war. Das Gemeinschaftshaus ist ein praktikables, zukunftsweisendes Projekt.

Anstelle eines Pflegeheims gibt es nun eine ambulant betreute Wohngemeinschaft, aber sonst ist doch viel vom ursprünglichen Konzept geblieben . . .

Ja, betreutes Wohnen, Praxen, Tagespflege, eine Anlaufstelle für die „Kleinen Hilfen“ – all das gehört auch heute dazu. Verworfen wurde aber die Idee, ein altes Fachwerkhaus in den Bau zu integrieren. Ein Glücksfall war für uns auch die Änderung in der Pflegeversicherung, die der Caritas Nordkreis Pflege, dem Betreiber der Einrichtung, den Betrieb ambulant betreuter Wohngemeinschaften erst ermöglichte.

Ist man als Bürgermeister stolz, das größte Bauprojekt in der bisherigen Geschichte Merzens verwirklicht zu haben?

Ich freue mich, dass wir alle Kritiker überzeugen konnten, dass das heutige Gemeinschaftshaus ein Modell für andere Dörfer sein kann. Ich bin dankbar, dass die Umsetzung möglich war. Zusammen mit dem Gemeinderat ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Infrastruktur in Merzen entscheidend zu verbessern: Dazu gehören der Ausbau der Kindertagesstätte und der Grundschule, auch das Rathaus. Wir haben uns zwar mit dem Bau des Hauses auf ein Vorhaben konzentriert, allen anderen Pflichtaufgaben sind wir aber trotzdem nachgekommen.

Schröder: Merzen muss als Wohn- und Arbeitsort attraktiv bleiben

Wie viel hat das Gemeinschaftshaus nun gekostet?

Die Gesamtkosten inklusive Außenanlagen und Straßenbau liegen bei 4,9 Millionen Euro. Wir haben den Bau aus den Rücklagen finanziert und einen Kredit in Höhe von einer Million Euro aufgenommen. Wir haben das Steuergeld vernünftig und nachhaltig zum Wohl der Gemeinschaft eingesetzt. Sich an hohen Rücklagen zu erfreuen kann nicht Aufgabe einer Gemeinde sein.

Der Bau des Gemeinschaftshauses ist nun abgehakt, was wird die nächste Aufgabe des Rates sein?

Wir müssen Szenarien entwickeln, damit Merzen als Wohn- und Arbeitsort attraktiv bleibt. Eine große Hilfe ist dabei, dass wir mit Neuenkirchen als Dorfregion in das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Niedersachsen aufgenommen wurden. Das wird uns die nächsten Jahre beschäftigen und sicher finanziell fordern.

 

Quelle: Bersenbrücker Kreisblatt
https://www.noz.de/lokales/samtgemeinde-neuenkirchen/artikel/1568896/gemeinschaftshaus-merzen-gemeinde-hielt-an-ueberzeugungen-fest#gallery&0&0&1568896

 

28. Oktober 2018, 16:56 Uhr